Sicherheitsrisiko Clinton – Was für Trump spricht

Gibt es wenigstens einen einzigen Grund, auf einen Sieg von Donald Trump zu hoffen? Ja: den Frieden. Hillary Clinton will im Syrienkrieg die militärische Konfrontation mit Russland riskieren. Das kann Deutschland nicht wollen.

Eine Kolumne von Jakob Augstein, SPIEGEL ONLINE

Clinton beim TV-Duell in Las Vegas
AP - Clinton beim TV-Duell in Las Vegas

Ein Argument für Trump? Unvorstellbar. Die Ablehnung dieses Mannes ist Allgemeingut. Er ist der Gottseibeiuns der Politik. Leichter ließen sich noch beim bösen Wolf aus Grimms Märchen irgendwelche Vorzüge finden als bei dem irren Narziss aus New York. Dabei wird nur ein Punkt übersehen, und zwar einer, der für jeden Nicht-Amerikaner in Wahrheit der wichtigste ist: Trump wäre in der Frage von Krieg und Frieden vermutlich die bessere Wahl als Clinton.

Der Bürgerkrieg in Syrien ist der gefährlichste Konflikt der Welt. Die USA, Russland, Iran, die Türkei, Israel, Saudi Arabien – alle mischen mit. Alle verfolgen ihre eigenen Interessen. Und ausgerechnet in Syrien will Hillary Clinton die militärische Konfrontation mit Russland riskieren. Clinton hat sich ausdrücklich dafür ausgesprochen, über Syrien, oder Teilen davon, eine Flugverbotszone einzurichten. Auf diese Weise soll, so Clintons Plan, das Leid der vom Krieg verfolgten Zivilbevölkerung wenn nicht behoben so doch gelindert werden. Das klingt nach einem Projekt des Friedens. In Wahrheit wäre es ein Akt des Krieges. Die Risiken sind unabsehbar. Vor allem das Risiko eines militärischen Konflikts mit Russland.

Ein „Hebel gegen die Russen“

Risiko? Der oberste Soldat der Vereinigten Staaten von Amerika, General Joseph Dunford, Vorsitzender des Vereinigten Generalstabs der Streitkräfte der Vereinigten Staaten, ist sich sicher. Den gesamten Luftraum über Syrien zu kontrollieren, würde Krieg mit Syrien und Russland bedeuten. Dunfords Vorgänger im Amt schätzte vor ein paar Jahren, dass eine wirksame Flugverbotszone über Syrien den Einsatz von 70.000 Soldaten und monatliche Kosten in Höhe von einer Milliarde Dollar bedeuten würde.

Aber Hillary ist unverdrossen. „Als ich Außenministerin war, war ich für eine Flugverbotszone, und das bin ich noch heute“, hat Clinton erst vor ein paar Tagen gesagt. Und damit niemand einen Zweifel daran haben konnte, wie sie das meinte, fügte sie hinzu: „Wir brauchen einen Hebel gegen die Russen.“

Donald Trump hat sich die größte Mühe gegeben, seine Untauglichkeit für das Amt des US-Präsidenten unter Beweis zu stellen. Aber was Krieg und Frieden angeht ist seine Weste sauber. Trump, soweit er überhaupt irgendein außenpolitisches Konzept hat durchblicken lassen, will Amerika aus den Händeln der Welt eher heraushalten, es keinesfalls tiefer verwickeln.

Es gibt nun auch in Deutschland noch Feierabendgeneräle, denen die Lust auf militärische Interventionen nicht vergangen ist. Der Grünen-Chef Cem Özdemir hat gerade allen Ernstes bedauert, dass Deutschland sich seinerzeit nicht am Libyen-Einsatz beteiligte. Özdemir hat auch gefordert, mit einer Flugverbotszone über Syrien zu drohen – und gleichzeitig gewarnt: „Hängt die Nuklearmacht Russland mit im Konflikt, rate ich bei militärischen Interventionen grundsätzlich sehr zur Vorsicht.“ So wird vom Schreibtisch aus das Reden über den Krieg zur Kinderei.

Aber der Mehrheit der Deutschen müsste der Gedanke eines Waffengangs zwischen den USA und Russland einen Schauer der Furcht über den Rücken jagen. Dennoch – wenn die Deutschen zu entscheiden hätten, am Triumph der Demokratin gäbe es keinen Zweifel. Sonderbar. Wie kann es sein, dass die deutsche Öffentlichkeit diese reale Gefahr eines Clinton-Sieges ignoriert?

Es liegt daran, dass Trumps Kandidatur derart schrill ist, dass zu viele Leute das Signal nicht wahrnehmen, das sie in Wahrheit ist. Hillary Clinton ist genau das Produkt des amerikanischen Polit-Establishments, das Trump und seine Anhänger in ihr sehen. Sie genießt in Europa den Ruf, für außenpolitische Berechenbarkeit und Kontinuität zu stehen.

Aber das bedeutet eben auch, dass sie die im wahrsten Wortsinne verheerende amerikanische Außenpolitik militärischer Interventionen fortsetzen würde.

Was der Westen tun kann

Ja, Donald Trump ist eine Farce. Aber er erinnert daran, dass der Westen sich mit Blick auf die Krisen dieser Welt schon lange überfordert – moralisch, militärisch, politisch. Der Westen reibt sich auf zwischen der Illusion der Allzuständigkeit und der Realität der begrenzten Möglichkeiten. Der Westen verheddert sich in seinen Widersprüchen.

Amerika unterstützt hier die Kurden und ist gleichzeitig mit der Türkei verbündet, die ihrerseits erbittert gegen die Kurden kämpft. Gegen den IS lassen sich die USA von den Saudis helfen, die ihrerseits zu den Förderern des islamistischen Terrorismus gehören. Der amerikanische Interessenkonflikt mit Russland scheint in Syrien unüberbrückbar – aber das hindert Israel, Amerikas größten Verbündeten in der Region, nicht daran, sich mit Putin zu arrangieren. Das schreckliche Leid in Aleppo entsetzt den Westen – aber die Rebellen weigern sich, die Stadt zu räumen und dadurch die Zivilbevölkerung vor weiteren Bomben zu verschonen.

Täglich setzen wir uns mit den Bildern des Schreckens, die dieser Krieg wie jeder Krieg erzeugt, unter einen buchstäblich unerträglichen moralischen Druck und belügen uns dabei doch selber. Denn wenn es wirklich das Leid der Menschen ist, das uns umtreibt, dann sollte der Westen aufhören, in Syrien eigene machtpolitische Ziele zu verfolgen. Es ist keineswegs so, dass der Westen nichts tun kann – im Gegenteil: Er kann aufhören, sich einzumischen.

Clinton steht für die Kontinuität der US-Politik. Trump steht für einen Bruch mit den Traditionen. Wie verlogen müssen diese Traditionen sein, wenn einer wie Trump plötzlich als ehrlichere Wahl dasteht? Trumps bisheriger Erfolg ist überhaupt nur dadurch zu erklären, dass er ein Bedürfnis adressiert: nach Neuanfang. Die New York Times hat neulich geschrieben: „Trump ist die logische Konsequenz von allem Schlechten in Amerika“

Der Satz enthält mehr Wahrheit, als uns allen lieb sein kann.

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