Volk von hier, Elite von drüben

Mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung sind in Ostdeutschland immer noch 80 Prozent aller Führungspositionen mit Westdeutschen besetzt. Das schürt das Misstrauen gegen Parteien und Eliten.

© dpa Auch Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) ist ein West-Import – aus Niedersachsen.

Auf der Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden gibt es seit kurzem eine bemerkenswerte Inszenierung, in der 40 Dresdner Laienschauspieler zwischen zehn und 80 Jahren aus ihrem Leben erzählen. In einer der eindrucksvollsten Szenen berichtet ein Architekt, wie er einst am Berliner Palast der Republik mitbaute, und wie ihn die SED nach dem Prager Frühling von der Baustelle entfernen ließ, weil er kein Parteimitglied und damit in ihren Augen ein potentieller Konterrevolutionär war.

Zurück in die Provinz verbannt, weigerte er sich auch weiterhin, der SED beizutreten, mit der Konsequenz, fortan auf dem Abstellgleis zu sein. Dann, im Herbst 1989 keimte Hoffnung auf Veränderung und Freiheit, und nach der Wiedervereinigung 1990 bewirbt sich der Mann als Baudezernent in einer der neuen Landkreisverwaltungen Sachsens.

Der Chef dort ist in der CDU und aus dem Westen, und eine der ersten Fragen, die er dem Architekten stellt, lautet: Wollen Sie nicht in unsere Partei eintreten? „Geht das schon wieder los?“, habe er da gedacht.

Das Publikum jubelt. „Genau!“ und „So isses!“ ist zu hören und auch eine Art Erleichterung zu spüren, dass Nachwendegeschichte hier mal so öffentlich verhandelt wird. Denn so vielfältig und überraschend die geschilderten Leben auch sind, eines haben sie – mal abgesehen von den ganz Jungen – doch alle gemeinsam:

Friedliche Revolution und Wiedervereinigung

Friedliche Revolution und Wiedervereinigung sind der zentrale Wendepunkt in ihrem Leben. Die Entfremdung aber, die es damals zwischen Bürgern und Einheitspartei gab, spüren längst viele wieder.

Eine Ursache dafür sind wohl auch die Machtverhältnisse im Osten, die seit der Wiedervereinigung in allen Bereichen – Politik, Wissenschaft, Medien, Justiz und Wirtschaft – überwiegend von Westdeutschen dominiert werden. Lediglich 20 Prozent der Führungskräfte in Ostdeutschland im Jahr 2015 stammen auch von dort, ermittelte jetzt die Universität Leipzig im Auftrag des MDR.

Es gebe zwar eine Annäherung der Lebensverhältnisse zwischen Ost und West, sagt Studienleiter Olaf Jacobs vom Institut für Kommunikation- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig. „Eine Annäherung bei den gesellschaftlichen Eliten fand jedoch nicht statt.“ Fast zweieinhalb Millionen Westdeutsche zogen seit 1990 in den Osten, unter ihnen vor allem anfangs zehntausende Aufbauhelfer, die ihr System und ihre Institutionen mitbrachten, installierten und aus ihren Netzwerken bis heute permanent neuen Nachwuchs rekrutieren. Der Anteil Westdeutscher in Verwaltung, Justiz und Gewerkschaften im Osten beträgt zwischen 80 und 95 Prozent, 80 Prozent aller Hochschulen im Osten werden von Westdeutschen geleitet, 94 Prozent aller Vorsitzenden Richter in den neuen Ländern stammen aus den alten.

Stärker in der Minderheit als Frauen in Chefetagen

In der Politik etwa geht der Studie zufolge die Zahl ostdeutscher Führungskräfte im Vergleich zu vor zehn Jahren sogar noch zurück. In den fünf Ost-Landesregierungen sank die Zahl der Politiker ostdeutscher Herkunft von 75 auf 70 Prozent, rund die Hälfte aller Staatssekretäre im Osten stammt aus dem Westen, ebenso wie drei Viertel der 220 Abteilungsleiter in den Ministerien. Ostdeutsche in Führungspositionen sind den Autoren zufolge heute viel stärker in der Minderheit als etwa Frauen in Chefetagen. Für Ostdeutsche selbst seien meist nur Plätze in den hinteren Reihen frei, die vor allem mit Verwaltung und Durchführung, aber eben selten mit Entscheidungen zu tun haben.

Eine Folge dieser Entwicklung ist, dass nicht mal mehr die Hälfte aller Ostdeutschen zu Wahlen geht; das Misstrauen gegen Parteien und deren Personal, die als Repräsentanten des (fremden) Westens empfunden werden, ist groß. „Die Fassade des Ostens ist westdeutsch, aber drinnen riecht es noch nach Ata“, sagt die einstige Grünen-Politikerin Antje Hermenau (Ata war ein omnipräsentes DDR-Scheuermittel). „Die in Politik und Medien verhandelten Themen haben oft nichts mit dem Leben der Leute hier zu tun.“ Reales und öffentliches Leben gingen im Osten längst getrennte Wege.

Merkel und Gauck als „verwestlicht“ angesehen

Hermenau ist eine der Ostdeutschen, die es nach der Wende weit nach oben geschafft haben, sie war Bundestagsabgeordnete und Fraktionsvorsitzende ihrer Partei im Sächsischen Landtag. Es sei schon ein Unterschied, ob jemand mit dem Land, in dem und für das er Entscheidungen trifft, verwurzelt ist oder am Wochenende nach Hause fliegt, sagt sie. Ostdeutsche Politiker wie Angela Merkel oder Joachim Gauck würden dagegen als „verwestlicht“ und zunehmend ebenfalls als fremd angesehen.

Freilich zogen seit 1990 mehr als doppelt so viele Ostdeutsche in den Westen wie umgekehrt, nur bestimmen sie das öffentliche Leben dort nicht annähernd in gleicher Weise mit; in westdeutschen Landtagen oder Regierungen sind sie die Ausnahme. 2010 glich es einer Sensation, als die heutige Bundesbildungsministerin Johanna Wanka Ministerin in Niedersachen wurde, als erste Ostdeutsche in einem West-Bundesland.

Der einstige sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt, der 1990 zu den ersten Westdeutschen zählte, die in den Osten kamen, gibt zu bedenken, dass die Ostdeutschen eben auch nur 20 Prozent der Bevölkerung stellen. Die Westdeutschen seien per se in der Mehrheit, und nach 1990 habe man auch keine rechtsstaatliche Verwaltung ohne Leute, die sich damit auskennen, einführen können. „Wie hätte ich die Finanzverwaltung nach westdeutschem Recht ohne Fachleute aufbauen sollen?“, fragt er. Ärzte oder Lehrer seien dagegen kaum ausgetauscht worden. „Da hat es keinen Elitenwechsel gegeben.“

„Ostdeutschland hat sehr profitiert“

Natürlich sei der Ruf der Westdeutschen auch durch Scharlatane und Leute ruiniert worden, die der Westen wegen mangelnder Qualifikation loswerden wollte, aber das sei nicht die Regel gewesen, im Gegenteil: „Ostdeutschland hat sehr profitiert“, sagt Milbradt. Als Finanzminister habe er nicht „auf typische westdeutsche Karrieristen“ gesetzt, sondern Fachleute angeworben; den Chef der Oberfinanzdirektion etwa holte er aus der Türkei, die das westdeutsche Steuerrecht eingeführt hatte. Mitte der neunziger Jahre habe er dann auch gezielt nach ostdeutschen Absolventen gesucht, aber kaum welche gefunden. „Die waren in die Wirtschaft und in den Westen gegangen.“

In kaum einem Bereich aber war der Austausch der Eliten so gründlich wie in der Justiz. Der einstige sächsische Justizminister sagte nach der Wiedervereinigung, dass es wohl eine Generation dauern werde, bis es wieder einen einheimischen Richterstand gebe. Tatsächlich ist die Justiz in Sachsen heute völlig überaltert, erst in den kommenden Jahren wird sich hier ein Generationswechsel vollziehen – ob an sächsischen Gerichten dann nicht mehr nur Bayern und Schwaben Recht sprechen, bleibt abzuwarten.

Fragen von Heimat und Identität freilich hält auch Georg Milbradt für bedeutend bei der Akzeptanz von Eliten. Er selbst wollte 1990 nicht lange im Osten bleiben, doch dann habe ihn der Job gereizt. „Das ging als Leihpolitiker nicht zu machen, wir mussten die Seiten wechseln.“ Seine Frau und die zwei Söhne zogen mit nach Dresden, gingen hier zur Schule. „Inzwischen haben wir noch nie länger an einem Ort gelebt als hier.“

Dass es jetzt eine gewisse Unruhe im Osten gebe, hält Milbradt, der heute viel in Osteuropa unterwegs ist, für verständlich. Er habe sich immer gewundert, wie stabil das politische System Ostdeutschlands trotz des gravierenden Umbruchs geblieben ist. „Was wir jetzt erleben, ist auch ein Nachholprozess.“ Gleichwohl sei die Entfremdung von Eliten kein ostdeutsches Phänomen. „Dass sich Leute von der Politik nicht mehr vertreten fühlen, erleben wir auch im Westen.“

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